DIE BÄRENLEGENDE oder DIE ENTSTEHUNG VON MEDEWEGE

Aus: "Slawenlegenden oder die Entstehung von Mecklenburg-Vorpommern"
Dr. Fritz Otto Schmidt, Klatschmohn Verlag GmbH & Co. KG, Bentwisch/Rostock

Die Landnahme der Slawen war vollzogen. Obodr, der Wachsame, hatte mit zahlreichen slawischen Männern und Frauen unter großen Opfern den langen Marsch aus den (späteren) russischen Steppen abgeschlossen und war in das Gebiet zwischen Elbe und Oder eingedrungen. Die Slawen rodeten Wälder, bauten Brücken, legten Sümpfe trocken und Wege an. Sie schufen bewohnbare Siedlungen und errichteten Burgen.
Obodr hatte seinen Hauptsitz auf einer früheren Insel angelegt. Es ist heute die Halbinsel, auf der das Schweriner Schloß steht.
In den folgenden Jahrhunderten entwickelte sich aus den tapferen Slawen in diesem Gebiet einer der großen führenden slawischen Stämme, die Obodriten, die sich in die folgenden vier kleineren Stämme untergliederten:
- Wagrier (Oberholstein),
- Warnower (zwischen Oberwarnow und Mildenitz),
- Obodriten (namengebend, zwischen Wismarer Bucht und Schweriner See),
- Polaben (zwischen Trave und Elbe).

LegendenbaerDie folgende Begebenheit ereignete sich auf obodritischem Gebiet, unweit des Schweriner Sees.
Warba (altslawisch - die Weide), war die älteste Tochter eines obodritischen Viehzüchters, der auch gleichzeitig Land bebaute, um seine große Familie mit den notwendigsten Nahrungsmitteln versorgen zu können. Warba war im heiratsfähigen Alter. Sie war hochgewachsen, schlank und von dunkler Haarfarbe. Sie bemühte sich sehr fleißig, zusammen mit ihren fünf Schwestern und zwei kleinen Brüdern, eßbare Wurzeln und Knollen, Beeren und Früchte zu sammeln, um den kargen Speisetisch ein wenig zu bereichern.
Sie wußten alle, daß es gefährlich war, allein in Wäldern und auf Wiesen zu sammeln, denn überall lauerten Gefahren. Entweder waren es wilde Tiere wie Wölfe, Luchse, Bären oder Wisente, denen man aus dem Wege gehen mußte, auch giftige Schlangen und starke Raubvögel, oder es waren Sümpfe, in denen man zu versinken drohte. Nur mit größter Vorsicht konnten die beinahe undurchdringlichen Urwälder durchquert oder Wiesen betreten werden. Die kleine Gruppe hatte sich schon sehr weit von der Siedlung entfernt. Seit Sonnenaufgang waren die Kinder unterwegs. Ihre Ledertaschen und Körbe waren zum großen Teil gefüllt. Warba war eine sehr vorsichtige Führerin, denn sie richtete es immer so ein, daß sie alle in der Nähe des Seeufers blieben, um im Gefahrenfalle sofort in den See zu laufen. Auf diese Weise hatten sie sich schon zweimal das Leben erhalten können, einmal vor den wuchtigen Stößen des großen Gehörns eines wütenden Wisents, der sie verfolgt hatte und ein andermal vor den Zähnen einiger Wölfe, die Warba hart bedrängten, so daß sie keine andere Möglichkeit sah, als in das Wasser zu springen.
Alle Jungen und Mädchen hatten von ihrem Vater gelernt, sich eine Zeit bewegend über Wasser zu halten, was man nicht direkt mit den heutigen technisch verfeinerten Schwimmstilen vergleichen kann. Am ehesten kann die Fortbewegungsart der alten Slawen im Wasser vielleicht als Brustschwimmen im freien Stil bezeichnet werden, wobei die Armbewegungen mehr nach vorn und weniger seitlich erfolgten, was dem tollpatschigen Schwimmen mancher Tiere sehr ähnlich sah. Der Vater hatte allen seinen Kindern bewußt das Schwimmen beigebracht, da ein Bruder von ihm schon mit jungen Jahren beim Fischen ins Wasser gefallen und ertrunken war. Damals gelobte der Vater, daß er selbst und alle seine Kinder das Schwimmen erlernen werden, damit niemand diesen erbärmlichen Tod sterben muß.
Alle heidnischen Slawen fürchteten die Wasserdämonen, insbesondere den Wassermann Wodnymuz und die Wasserfrau Wodnehamuza. Der Wassermann sitzt auf dem Grunde des Sees oder des Flusses und zieht den Menschen auf den Grund, damit er nicht allein ist, denn die Wasserfrau sitzt meistens am Ufer der Bäche oder Seen und webt ein Leinentuch. Manchmal gehen beide zusammen, der Wassermann und die Wasserfrau, auf den Markt. Man erkennt sie daran, daß sie leinene Kittel, die von der Hüfte an feucht sind, tragen. Der Wassermann handelt meistens mit Getreide, die Wasserfrau hingegen mit Butter. Alle Slawen wußten, daß von diesem Handel sehr viel abhing, denn wenn sie beide billig einkaufen konnten, so nahten gute Zeiten. Aber wehe, wenn sie erstandene Waren teuer bezahlen mußten. Das war ein böses Zeichen und alle Slawen wußten, daß schlechte Zeiten nahten.
LegendenbaerAuch Warba wußte es. Warba richtete sich aus der gebückten Haltung auf und sah ihre Geschwister, die in der Nähe geblieben waren und fleißig Eßbares sammelten. Langsam und vorsichtig ging sie zum Ufer des Sees. Der Blick ihrer Augen durchdrang den dichten Wald. Mit den Ohren versuchte sie, Geräusche zu erfassen. Einmal kam es ihr vor, als würde ein Zweig knacken. Dann hörte sie ein Geräusch, als würde ein Gegenstand ins Wasser fallen. Daraufhin suchte sie mit den Augen das Ufer ab. In der Ferne erblickte sie einen kleinen, runden, braunen Körper. Gebückt bewegte sie sich am Ufer vorwärts. um sich Gewißheit zu verschaffen. Sie erkannte sehr schnell, daß es die unbeholfenen Bewegungen eines kleines Bären waren. Warba prüfte die Windrichtung und ging lautlos wie ein Luchs zu ihren Geschwistern. Sie gab allen ein Zeichen und langsam entfernten sie sich von der Stelle, wo sie den kleinen Bären gesehen hatte. Als sie weit genug weg waren, sagte sie energisch zu ihren Geschwistern: „Ihr werdet jetzt alle am Ufer des Sees entlang mit den gefüllten Taschen und Körben in unsere Siedlung zurückkehren. Osika (altslawisch - die Espe), du wirst aufpassen und sie ermahnen, wenn sie vom Wege abweichen wollen. Ihr werdet alle auf Osika hören und das tun, was sie sagt. Dort hinten am Ufer spielt ein kleiner Bär am Wasser, so daß zu erwarten ist, daß dort auch eine große Bärin oder sogar eine ganze Familie ist. Ich will sehen, wo die Bären ihr Lager haben, damit wir nicht angefallen werden, denn solange sie Junge haben, sind sie besonders gefährlich.“  „Aber paß auf, Warba“, entgegnete die nur unwesentlich jüngere Schwester Osika, „daß du nicht angefallen wirst, Bären sind wirklich sehr gefährlich und heimtückisch!“
„Ich weiß, ich weiß“, meinte Warba, „aber der Wind steht sehr günstig, und dadurch werden die Bären mich nicht bemerken. Und nun geht vorsichtig nach Hause!“
LegendenbaerMit der Schwester Osika an der Spitze gingen ihre Geschwister in die Siedlung zurück. Warba schlich sich geräuschlos, wobei sie sich vorsichtig hinter Gebüschen, Sträuchern und Bäumen verbarg, an den kleinen spielenden Bären heran. Der stand am Ufer und beobachtete einen schwimmenden Biber, knabberte an den Zweigen und Hölzern und lief dann wieder in den Wald hinein. Äußerst vorsichtig schlich Warba hinterher. Bald hörte sie aus der Richtung, in die der kleine Bär gelaufen war, ein Stöhnen und Röcheln, welches sich verstärkte, je weiter sie in den Wald eindrang. Merkwürdige Laute, dachte sie, das klingt gerade so, als wäre jemand verletzt und würde schwer atmen. Sie schlich sich weiter an die Stelle heran, aus der die Laute kamen und sah zuerst noch einen zweiten kleinen Bären, der quietschend mit einem Igel spielte und sich dabei die Nase zerstach. Etwas entfernt dahinter sah Warba die große Bärin liegen. Sie bewegte sich nicht und schien leblos, wenn nicht das schwere Stöhnen und Röcheln gewesen wäre. Warba konnte auf der ebenen Erde nicht weiter an die Bärin herangehen, um sich nicht selbst zu gefährden, aber sie sah etwas abseits einen riesigen Eichenbaum. der seine langen Äste bis über das Lager der Bärin erstreckte. Schnell erkletterte sie den Baum und bewegte sich auf einem Ast bis zu der Stelle, von der sie das gesamte Bärenlager überblicken konnte. Erst jetzt erkannte sie das große Unglück der großen braunen Bärin. Wie alle Bären hatte auch sie einen großen, plumpen und massigen Körper. Der Kopf war dick und hatte eine spitze Schnauze. Die Ohren waren sehr klein und der verdreckte, blutige und eitrige Pelz war langhaarig. Das düstere Braun des Pelzes war kaum noch zu erkennen. Die Bärin mußte schon einige Tage hier liegen. Sie war abgemagert, da sie wohl seit langem nicht gefressen hatte. In der Schulter der Bärin steckte ein abgebrochener Jagdspeer. Aus einem Oberschenkel und dem Rücken ragten abgebrochene Pfeilspitzen, die stark blutende und jetzt eiternde Wunden hervorgerufen hatten. Die Bärin lag halb auf der Seite, wohl wegen der Rückenwunde. Warba sah die schwerverwundete Bärenmutter und die zwei hilflosen kleinen Bären. Obwohl Bären schlimme Räuber und gefährliche Bestien sein können, wenn sie gereizt oder in Gefahr gebracht werden, regte sich in Warba der Mutterinstinkt. Der Anblick der possierlichen kleinen Bären und das Stöhnen der Bärin rührte ihr Herz.
Sie schimpfte in Gedanken auf die Jäger, die es übers Herz brachten, ein Muttertier mit zwei Jungen töten zu wollen. Wie kann man nur solche hilflosen kleinen Wesen jagen? Warba sah, daß die Bärin teilweise schon bewußtlos war und wahrscheinlich bald sterben würde. Sie kletterte den riesigen Eichenbaum herunter und näherte sich mit größter Vorsicht dem Lager des totkranken Tieres.
Zuerst wurde Warba von den kleinen Bären entdeckt. Sie liefen ihr entgegen und beschnupperten Warba. Aus ihrem Lederbehälter nahm sie einige Beeren und gab sie den Kleinen, die sie gierig fraßen. Wahrscheinlich hatten sie großen Hunger. Sie waren keinesfalls ängstlich, sondern faßten schnell Zutrauen zu Warba und liefen neben ihr her und bettelten um Nahrung.
LegendenbaerWarba konnte erst jetzt das Ausmaß ihrer Verwundungen erkennen. Die stöhnende Bärin, der der Speichel aus dem Mund tropfte, hatte fiebrige Augen und war fast am ganzen Pelz mit Blut befleckt. An den Stellen, an denen die Pfeil- und Speerspitzen aus dem Körper ragten, traten eitrige Flüssigkeiten aus. Die Bärin war bei Bewußtsein. Mit ihren Augen verfolgte sie genau Warbas Handlungen. Ein Versuch der Bärin, sich aufzurichten, um vielleicht die jungen Bärenkinder zu schützen, ging in einem fürchterlichen Brummen unter. Sie war inzwischen so kraftlos geworden, daß ihr jede Bewegung große Schwierigkeiten bereitete. Außerdem mußte sie starke Schmerzen haben, dachte Warba. Bären sind zwar im allgemeinen harmlos, wenn man sie in Ruhe läßt, aber manchmal können sie auch heimtückisch sein, kam es Warba in den Sinn. Hier ist es offensichtlich, daß die Bärin keine Kräfte mehr hat, das Lager zu verlassen. Sie wird wohl auch keine Milch mehr haben, um die Kleinen zu ernähren. Dann müssen auch sie sterben, wenn ich nicht helfe, dachte Warba.
Fast alle Beeren gab sie den Kleinen, die sie laut schmatzend auffraßen. Als das kleine, aus Holzdauben zusammengesetzte Holzgefäß, das sie am Gürtel neben dem Lederbeutel trug, leergefressen war, ging sie zum Ufer des Sees und füllte das Gefäß mit klarem frischem Wasser. Damit ging sie zurück zu der verwundeten Bärin und wollte ihr das Holzgefäß mit dem Wasser zuschieben. Das erschien ihr jedoch zu gefährlich, denn beim Anblick der riesigen Pranken mit den scharfen Krallen wurde ihr klar, daß mit einer totkranken Bärin nicht zu spaßen ist und ein kurzer Prankenschlag genügen würde, um in das Reich der Todesgeister einzugehen. Warba nahm einen langen abgebrochenen Ast, entfernte die Seitenzweige und ließ das schwache Ende als eine Gabelform stehen. Mit diesem Ast schob sie vorsichtig das Holzgefäß mit dem frischen Wasser der Bärin direkt vor die Nase. Diese richtete sich trotz der Schmerzen ein wenig auf, um den Inhalt des Gefäßes zu erkennen, steckte die Nase geschickt in den Bottich und röchelte schwerfällig. Dann bemerkte sie, daß es Wasser ist, steckte die Zunge hinein und soff röchelnd und gurgelnd das Gefäß leer, wobei es an der Schnauze zum Teil wieder herunterlief. Warba zog das leere Holzgefäß wieder zurück.
LegendenbaerDie Bärin soff noch insgesamt dreimal das Holzgefäß leer. Nachdem ihr Durst gestillt war, legte Warba zwei Hände voller Beeren, die sie noch bei sich hatte, und den letzten Fladen in das Holzgefäß und schob es der Bärin mit dem Ast zu. Die Bärin schnupperte, steckte wimmernd die Nase in das Gefäß und fraß langsam, dabei mißtrauisch mit den Augen rollend, die Beeren und den Fladen auf, wobei Warba sah, daß ihr jeder Biß Schmerzen bereitete. Nachdem Warba den Tieren alles Eßbare gegeben hatte, überlegte sie, wie sie noch helfen könnte, denn es tat ihrem liebevollen Herzen nicht nur weh, daß die kleinen Bären sonst in ihrer Hilflosigkeit verhungern mußten, sondern auch, daß das Muttertier solche furchtbaren Schmerzen erdulden mußte. Sie entschloß sich, zu Orel (altslawisch - der Adler), ihrem Liebsten, zu laufen und ihn zu bitten, gemeinsam den Tieren zu helfen. Warba rannte flinken Fußes wie ein Reh in die heimatliche Siedlung. Sie fand ihren Freund, der bei seinen Bienen hantierte, und erklärte ihm, was sie eben mit den Bären erlebt hatte.
Orel, dessen Lieblingstiere die Bienen waren, weshalb Warba ihn auch Buzel (altslawisch - kleine Biene) nannte, bemerkte etwas trocken nach dem warmherzigen und tierliebe vollen Redeschwall seiner Freundin, daß er gern wieder mal geräucherten Bärenschinken essen würde, wobei er lächelte. Darauf beschimpfte ihn Warba fürchterlich mit bösen Worten und warf ihm Grausamkeit, Kaltherzigkeit und Lieblosigkeit vor.
Orel nahm kurzentschlossen einen Becher Honig, der von seinen Bienen stammte, einige Fladen, einen kleinen Holzeimer mit Milch und einige Tannenzapfen, steckte alles in einen großen Lederbeutel und lief mit Warba zu der Stelle, wo sie die Bären zurückgelassen hatte. „Ich glaube nicht, daß dieser Honigfresser da überlebt“, meinte Orel ein wenig ironisch, auf die Bärin zeigend, „denn die Wunden sehen sehr gefährlich aus! Er hätte höchstens noch eine Möglichkeit zu überleben, wenn wir die Fremdkörper aus den Wunden ziehen. Dann könnten die Wunden vielleicht verheilen, wenn wir den Honigfresser erst einmal pflegen. Aber das können wir nicht wagen, denn wenn wir so weit herangehen, so wird er seine letzten Kraftreserven vor Schmerz aufbieten und uns mit seinen furchtbaren Pranken erschlagen. Die Gefahr wäre für uns zu groß. Deshalb können wir nur versuchen, die kleinen Bären zu füttern, damit sie nicht verhungern“ Sie verteilten die mitgebrachten Nahrungsmittel, wobei sie aber auch der alten Bärin zu fressen und zu saufen gaben.
LegendenbaerNach einiger Zeit sah Warba ihrem Freund Orel in die Augen und bemerkte mehr fragend als sagend: „Wir könnten die Bärin durch ein starkes Schlafmittel einschläfern, dann die abgebrochenen Spitzen herausziehen, die Wunden säubern und heilende Kräuter auflegen. Vielleicht ist es möglich, die Bärin noch zu retten“. „Hm“, knurrte Orel, „ich habe auch schon daran gedacht. Als im Frühjahr mein Bruder Jastram (altslawisch - der Habicht) von einem Wisentbullen auf die Hörner genommen wurde, und er sich einige Knochen gebrochen hatte, sammelte meine Großmutter sehr viel Schlaf- und Heilkräuter, die zum Teil noch im Hause liegen. Wir werden die Kräuter holen und es ausprobieren. Allerdings muß ich dann noch einen fetten Biber schießen, denn Biberfett öffnet eiternde Wunden und läßt alles Böse ausfliesen“
Warbas Augen strahlten. Sie lachte ihren Buzel an und küßte ihn. Ihr Herz war voller Hoffnung.
„Komm jetzt, Dusa“ (altslawisch - Seelchen), sagte Orel, „die Sonne ist schon untergegangen. Ich bringe dich in die Siedlung zurück. Heute nacht werde ich noch einen Biber schießen und morgen, wenn die Sonne aufgeht, gehen wir wieder hierher, um den Tieren zu helfen.“
Sie warfen beide einen Blick auf die Bärin, die noch immer vor Schmerzen stöhnte. Dann streichelten sie die kleinen Bären und liefen eiligst in ihre Siedlung zurück. Orel nahm Pfeil und Bogen und einen kurzen Jagdspeer, um einen Biber zu erlegen, was ihm auch bald gelang, da Biber nachtaktive Tiere sind.
Nachdem er ihn gepelzt hatte, kochte er ihn. Das Fett schöpfte er in ein Holzgefäß ab, und einige Fleischstücke aß er selbst. Danach kochte er noch zwei Töpfe mit Schlaf- bzw. Heilkräuterpflanzen und legte sich schlafen. In der Frühe weckten ihn die krähenden Hähne. Er nahm das Gefäß mit Biberfett, die Töpfe mit dem Sud der Pflanzen, etwas Met und dazu die übriggebliebenen rohen Biberstücke und ging zum Haus seiner Freundin, seiner Dusa. Die Siedlung schlief noch. Alles war ruhig. Leise schlich sich Orel in das Flechtwerkhaus seiner Freundin. Der Hund knurrte nur kurz, denn er wußte, daß Orel schon fast zur Familie gehörte. Zärtlich berührte er mit der Hand die Wange seiner auf dem Heu schlafenden Freundin, die auch sofort erwachte und sich vorsichtig erhob, um nicht die noch schlafenden Eltern und Geschwister zu wecken.
Dann nahm auch Warba etwas Futter für die Bären mit, und beide zogen am Ufer des Sees entlang zu der Stelle, wo sie gestern abend die Tiere zurückgelassen hatten. Schon von weitem kamen ihnen die kleinen Bären entgegengerannt. Sie ahnten wohl, daß es wieder etwas zu fressen geben würde.
Die alte Bärin lebte noch. Ihr Zustand hatte sich nicht verändert. Nach wie vorstöhnte sie vor Schmerzen. Sie war bei Bewußtsein und sah Warba und Orel mit fiebrigen Augen an.
Orel nahm das bewährte Holzgefäß und tat etwas süßen Honig, süße Beeren, kleine Fladenstücke und kleine Biberfleischstücke hinein. Darüber goß er noch einen Teil des Suds und etwas Met, welcher das Einschlafen der Bärin bewirken sollte. Er verrührte alles und schob das Gefäß mit der Speise langsam und vorsichtig dem kranken Tier zu. Sie ahnte wohl, daß es etwas Freßbares gab und nahm ohne Umstände alles auf, ohne daß sie das Gefäß umschüttete. Sie schleckte sich die Lippen, als sie mit dem Fressen fertig war, denn Honig ist die Lieblingsspeise der Bären.
LegendenbaerFür Honig vollbringt ein Bär alles. Nicht umsonst nennt man in der slawischen Sprache den Bären Honigfresser. Orel entzog der Bärin das Gefäß und füllte es noch einmal mit der gleichen Mischung, wobei er den gesamten Sud aus den Schlafmittelpflanzen hinzufügte. „Nun müssen wir sie beobachten, ob sie einschläft, Warba“, sagte Orel zu seiner Dusa. Tatsächlich! Es dauerte nicht lange. Die Bärin wurde sichtbar müde. Sie senkte ihren Kopf. Dann fielen ihr die Augen zu, obwohl sie sich krampfhaft dagegen wehrte. Sie hörte bald auf zu stöhnen. „Jetzt ist sie eingeschlafen!“, stellte Orel fest. „Ich ziehe zuerst die Pfeilspitze aus der Rückenwunde heraus. Erst wenn ich dir ein Zeichen gebe, kommst du und legst ihr diese Kräuter, den Sud und darüber das Fett auf die Wunde. Wir müssen erst sehen, ob die Bärin auch nicht durch den Schmerz aufwacht, denn wir wissen nicht, wie stark das Schlafmittel bei Bären wirkt.“
Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Ich hoffe nur, daß nicht die große Jägerin Dziwitza persönlich den Honigfresser jagen wollte! Gott Porevit und Göttin Siwa, helft uns und verjagt die grimmige Todesfrau Smertnitza! Sie soll hier keine Beute finden!“ Dann ging Orel mutig auf die eingeschläferte Bärin zu und zog ihr mit großer Geschicklichkeit die erste abgebrochene Pfeilspitze aus dem Rücken. Blut und Eiter flossen aus der Wunde. Die Bärin kam trotz der Schmerzen nicht richtig zu Bewußtsein und schlief weiter. Eine kurze Zeit beobachtete Orel die Bärin, und als er sicher war, daß sie nicht aufwacht, gab er Warba ein Zeichen, die sofort die weitere Behandlung durchführte. Anschließend zog Orel mit großen Anstrengungen die abgebrochene Speerspitze aus der Schulterwunde. Diesmal war der Schmerz der Bärin so stark, daß sie sogar im Schlafe mit ihren Pranken um sich schlug und laut brüllte. Orel sprang sofort zur Seite. Die Wunde blutete äußerst stark. Die Bärin schlief aber infolge des starken Betäubungsmittels trotzdem wieder ein, so daß Warba nach geraumer Zeit auch diese Wunde pflegen konnte.
Zuletzt wurde die noch verbliebene Pfeilspitze aus dem linken Oberschenkel gezogen, was keine sonderlichen Schwierigkeiten bereitete, obwohl auch diese Wunde blutete.
Nach der schweren Operation gingen sie beide zum See, wuschen sich und schwammen ein Stückchen hinaus.
Die beiden kleinen Bären standen possierlich auf den Hinterbeinen aufgerichtet am Ufer und sahen den Schwimmern nach. Orel suchte mit den Augen die Uferzone des Sees ab und entdeckte in der Ferne drei graue Wölfe, die die Nase in den Wind steckten und schnupperten.
„Beim Zernebog“ (altslawisch - der schwarze, der böse Gott), „nun kommen auch noch Wölfe“, stöhnte Orel. „Ich muß heute Nacht die kleinen Bären bewachen und außerdem der Bärin den Kräutersud zur Stärkung einflößen! Geh nach Hause, Warba, und bring morgen meinen Bruder Lunik (altslawisch - der kleine Falke) mit, damit er uns bei der Wache ablösen kann!“ Warba umarmte ihren Orel, küßte ihn und ging nach Hause.
LegendenbaerOrel suchte in der Nähe der kranken Bärin und ihrer spielenden Kinder auf einem Baum Platz, wobei er genau die Windrichtung prüfte. Er nahm seinen Bogen in die linke Hand und legte einen Pfeil schußbereit. Es dauerte tatsächlich nicht lange, Orel sah von seinem hohen Versteck aus, daß sich vorsichtig drei Wölfe näherten. Sie umkreisten die Bären und kamen immer näher. Er spannte langsam den Bogen, wartete noch eine kurze Zeit, bis er sicher war, den ersten Wolf zu treffen. Er zielte und traf mitten in die Brust. Der Wolf heulte markdurchdringend auf, lief nur noch eine kurze Strecke und brach dann blutüberströmt zusammen. Noch bevor Orel einen zweiten Pfeil abschießen konnte, waren die anderen beiden Wölfe schon weggelaufen. Instinktiv erkannten sie die Gefahr. Orel stieg von dem sicheren Versteck herunter zu dem erlegten Wolf. In der unmittelbaren Nähe des Herzens war der Wolf tödlich verletzt worden. Trotzdem war Orel vorsichtig und nahm zuerst seinen Speer, um den getöteten Wolf auf die andere Körperseite zu legen. Nachdem er sich überzeugt hatte, daß der Wolf wirklich tot war, hing er ihn mit den Beinen an einen Baum, schnitt in der Eingeweidegegend das Fell auf und zog es dem Wolf über den Kopf. Vorher hatte er ihm noch die Halsschlagader durchgeschnitten und das Blut in einem Holzgefäß aufgefangen. Dann entnahm Orel dem Wolf die Leber und aß ein Stück davon. Die restlichen Stücke zerkleinerte er und legte sie in das Gefäß, in dem sich das Blut gesammelt hatte. Dann nahm er die Lunge des Wolfes, zerkleinerte sie und legte sie ebenfalls in das Gefäß. Dabei schauten die kleinen Bären neugierig zu und steckten ihre Näschen hinein. Orel nahm ein kleines Stück Leber und schob es einem Bären in die Schnauze, der lange kaute und dann auch schluckte. Das tat er noch einige Male mit den beiden. Am Blut fanden sie allerdings weniger Gefallen. Orel beobachtete die Bärin. Sie war noch immer bewußtlos. Sie hatte die Augen geschlossen, doch sie atmete regelmäßig.
Wird sie diese Operation überstehen? Dank der Wundbehandlung von Warba hatten die Wunden aufgehört zu bluten.
Orel ging wieder zu dem am Baum hängenden Wolf und schnitt viele kleine Fleischstücke ab, die er in das noch blutige Gefäß warf. Voll gefüllt, stellte er das Gefäß auf einen Baum, damit die kleinen Bären es nicht erreichen konnten und lief in den See, um sich vom Blute des erlegten Wolfes zu säubern. Die kleinen Bären trotteten hinterdrein.
LegendenbaerDie Bärin schlief den ganzen Tag. Orel kamen schon Befürchtungen, daß sie vielleicht eine zu hohe Dosis Schlafmittel verabreicht hätten. Es lag wohl auch daran, daß der erneute Blutverlust sie sehr stark geschwächt hatte. Die Sonne ging schon am Horizont unter, als sie endlich wieder die Augen öffnete. Sie bewegte sich ein wenig und versuchte sich aufzurichten. Trotz der aufgelegten Schmerzlinderungsmittel stöhnte sie fürchterlich. Sie versuchte, die Wunden zu belecken, was ihr aber nur teilweise gelang.
Orel wußte, daß sie nur zu Kräften kommen würde, wenn sie Nahrung aufnimmt. Deshalb schob er ihr langsam das Gefäß mit den Wolfsfleischstückchen zu. Es dauerte geraume Zeit, bis sie das blutige Fleisch mit der Nase und den Augen wahrnahm und davon fraß. Orel war hocherfreut, als er sah, daß die Bärin das Futter annahm. Er ging sehr nahe heran und beobachtete sie. Die Bärin hingegen beobachtete Orel und fraß, ohne sich stören zu lassen.
Dann kam Warba, in den Händen einen großen Beutel mit allerhand Speisen.
Über die Schulter hatte sie sich ein Rinderfell geworfen, wahrscheinlich um darauf zu übernachten. „Orel“, fragte sie mit strahlenden Augen ihren Freund, „wie geht's unserer Mutter Bärin?“ Bei diesen Worten sah sie interessiert der Bärin zu, die gerade dabei war, die letzten Fleischstückehen zu verschlingen. „Oh, sie frißt' Dann wird sie wieder gesund!“ Sie sprang ihrem Liebsten um den Hals und küßte ihn freudig und zärtlich. „Dein Bruder Lunik kommt morgen mit Reusen und Angeln, damit er dabei auch Fische fangen kann. Heute muß er noch deinem Vater helfen. Ich bleibe bei dir heute Nacht, Orel! Wir beschützen die Bären! Ich habe Dir zu essen und zu trinken mitgebracht.“ Warba breitete das Rinderfell aus und legte die Fladen, etwas gebratenes Fleisch, Honig, Gemüse und Pilze auf das Fell. Sie aßen gemeinsam mit den kleinen Bären, denn ein Stückchen Fladen mit Honig ist ohne Zweifel nicht nur für Menschen ein Leckerbissen.
Inzwischen wurde es dunkler. Orel und Warba sprangen noch einmal in den See. Dann suchten sie trockenes Laub und Moos zusammen und legten es unter das Fell. Orel kletterte noch einmal auf die Spitze eines hohen Baumes, um Ausschau nach wilden Tieren zu halten, konnte aber nichts Gefährliches in der zunehmenden Dunkelheit erkennen. Er sprang vom Baum herunter und wollte sich schnell zu seiner Warba legen, die Waffen griffbereit neben sich. Doch beim lieblichen Anblick des Bildes auf dem Fell verharrte Orel. Seine reizende junge Freundin lag rücklings auf der Decke und lächelte, denn in jedem ihrer beiden Arme lag ein kleiner Bär und fühlte sich geborgen. Nicht weit davon entfernt lag die kranke Bärin, und ihre Blicke waren keinesfalls arglistig oder böse. Sie hatte inzwischen begriffen, daß die beiden Menschenkinder ihr und ihren Kindern nur helfen wollten. Orel, der eigentlich ein hart erzogener Jüngling war, konnte sich beim Anblick Warbas und der beiden kleinen Bären eines tiefen Gefühls nicht entziehen, und in seinem Herzen regte sich erstmalig das große Gefühl der Verantwortung eines Mannes für seine künftige Familie. Ein kleiner Bär knurrte leise, als er ein wenig von Orel zur Seite geschoben wurde, der ja schließlich ebenfalls an der Seite von Warba einen Platz beanspruchte.
Die Dämmerung wurde stärker. Die meisten Tiere des Waldes schliefen. Es war ruhig. Nur das leise Säuseln der Blätter war zu hören. Das Stöhnen der Bärin wurde leiser. Die Nacht begann. Der Mond trat leuchtend hervor. Leise bewegten sich Warba und Orel aufeinander zu. Sie berührten sich zärtlich. Mit ihren Küssen gab Warba Orel zu verstehen, daß eine slawische Frau dann glücklich ist, wenn sich in ihrem Leben das ereignet, was sie irgendwo in der unergründlichen Tiefe ihrer jungen Seele empfindet: das Geben und Nehmen von Zärtlichkeiten und das Vermögen, anderen Hilfe und Geborgenheit zu geben.
LegendenbaerBald schliefen Warba und Orel glücklich mit den beiden kleinen Bären in den Armen ein. Doch ihr ruhiger Schlaf währte nicht allzu lange, das Heulen der Wölfe und anderer nachtaktiver Räuber begann. Orel mußte hin und wieder seinen Bogen spannen und einen Pfeil abschießen, um die frechen Räuber abzuhalten, denn einige Male leuchteten die Augen der gefährlichen Bestien nahe vor ihrem Lager. Erst in der Frühe verschwanden sie. Mit zunehmender Helligkeit fielen noch einmal alle in einen tiefen Schlaf. Die Schreie eines Kuckucks weckten Warba, die sofort den schlaftrunkenen Orel wachrüttelte: „Höre, Orel, die Göttin Siwa, die Göttin des Lebens ist in Gestalt des Kuckucks gekommen und sagt uns, daß wir noch sehr viele]ahre glücklich leben werden. Zähle mit, Orel, wieviel Jahre sind es! Oh, es sind noch viele Jahre! Und dann wird auch die Bärin gesunden, weil es die Göttin Siwa so will.“
Aus der Ferne war weiter ein klares „Kuckuck“ zu hören. Bei jedem Ruf des heiligen Vogels vollführte Warba Freudentänze, denn mit jedem „Kuckuck“ mehrte sich nach der heidnischen Göttervorstellung der Slawen das Leben um ein Jahr. Die Göttin Siwa, das Leben, galt bei den heidnischen Slawen, vor allem bei den Polaben, vielleicht als die wichtigste Gottheit überhaupt, denn sie war die Quelle, der Ursprung des Einzelnen; sie war das Leben selbst! Deshalb trug wahrhaftig jeder Slawe ein Stück dieser Göttin in seinem eigenen  Herzen, eben weil er selbst der Einzelne, der Wachsende, der Werdende, aber auch später der Welkende in der allumfassenden, sich bewegenden Vielfalt, der unvergänglichen Gemeinsamkeit, war.
Die Göttin Siwa verkörperte das einzelne Leben, das Wachsen und das Gedeihen der Menschen, der Tiere und Pflanzen. Für das Gemeinsame jedoch, das Einende, das Ewige, das Unendliche und Unvergängliche, war bei einigen Slawen der kluge Gott Prove (das Recht) verantwortlich, insbesondere bei den Wagriern. Einen Stein z.B. sah der Slawe als ein Symbol dieser Unvergänglichkeit an, geschaffen vom göttlichen Prove.
Das Leben und Wachsen bedeutete jedoch unter den damaligen harten Lebensbedingungen Kampf, harten und zähen Kampf um das Bestehen, um die Existenz. Es starben viele Menschen frühzeitig an Krankheiten, manchmal am Hunger, manchmal im Kampf mit Tieren oder menschlichen Feinden. Es war keineswegs selbstverständlich, daß die Menschen ein hohes Alter erreichten.
Da sich nun insbesondere im Frühling ein starkes Wachstum der Bäume und Sträucher und auch der Tiere und Menschen vollzog, glaubten die heidnischen Slawen, daß ihre Göttin Siwa im Frühling besonders rege war. Sie glaubten sogar, daß sie sich im Frühling aus ihrem prächtigen Sternenhaus aufmachte und direkt in einen Kuckuck verwandelte, um in der unmittelbaren Natur ihrer Aufgabe gerecht zu werden. Deshalb konnte dieser göttliche Vogel die uralte Frage nach den noch verbleibenden Lebensjahren der Menschen selbstverständlich glaubhaft durch die Anzahl seiner Rufe beantworten.
Auch Warba, Tochter einer Polabin, und Orel, Sohn einer Wagrierin, glaubten als echte Kinder ihrer Zeit an diese Vorstellungen von der Erschaffung der Welt und dem Sinn des Lebens. Im wesentlichen verehrten alle Stämme die selben Götter. Nur ihre Namen waren unterschiedlich. Was aber einige Slawen nicht davon abhielt, auch fremde Götter zu verehren, denn der eigentliche Gott der Obodriten war Radigost, und Warba und Orel lebten im Stamme der Obodriten.
LegendenbaerSie waren glücklich alle beide, denn wer wäre es nicht, wenn ihm mitgeteilt wird, daß er noch viele glückliche Jahre vor sich hat. In den nächsten Tagen baute Orel so etwas wie einen hohen Schutzzaun, einen Chral, um die Bärin, ihre Kleinen und sich selbst auf dem nächtlichen Lager vor Überfällen zu schützen. Dabei hob er mit einem schaufelähnlichen Elchgeweih einen tiefen Graben aus, in den er nebeneinander senkrecht Holzpfeiler setzte, die er mit waagerecht angeordneten Hölzern, durch Weidengeflechte verbunden, verstärkte. Auf diese Weise schufen sie sich ein sicheres Lager. Für Orel und Warba gab es danach sehr viel Arbeit, um die Bären zu ernähren. Sie pflückten Beeren, Pilze, Wurzeln und Blüten. Sie fischten und jagten Wild.
Die Bärin lag lange Zeit stöhnend mit ihren gefährlichen Wunden am Boden, ohne daß sie sich bewegen konnte. Aber sie lebte, was schon ein Erfolg war. Sehr häufig mußte noch die Sonne auf- und untergehen, bevor sich ihr Zustand merklich besserte. Nach und nach vernarbten die Wunden. Die Bärin konnte sich bald aufrichten und sich im engeren Bereich halb liegend bewegen.
Als es dann noch einige Tage und Nächte regnete, baute Orel notdürftig eine Überdachung für sich und die Bären. Von dem restlichen Holz nahm Orel einen Baumstamm und spitzte das eine Ende soweit zu, daß man es in die Erde versenken konnte. Das obere Ende des Stammes bearbeitete er mit der slawischen Axt so, daß man die Gestalt eines Bären, in slawischer Sprache bedeutet das Medwed, der Honigfresser, deutlich erkennen konnte. Dann schlug er die Holzstatue vor dem Eingang des Schutzzaunes in den Boden, um voller Humor anzudeuten, daß diese Siedlung der „Ort eines Bären“, eines Honigfressers, -Medwed- genannt, wird. Als später die Bärin gesund war und sich herausstellte, daß auch sie kein heimtückisches und arglistiges Tier war, beschlossen Warba und Orel, an diesem Ort mit den inzwischen zahmen und nun beinahe erwachsenen Bärenkindern zu leben. Sie bauten sich hier mit Hilfe ihrer Familien ein Haus, denn die Gegend war fruchtbar, der See fischreich und die Wälder voller Wild. Insbesondere konnte Orel die Zeidlerei, seine Bienenzucht, auch zur Freude seiner Bären, als Hauptbeschäftigung neben der Bärenzucht betreiben.
LegendenbaerDie Siedlung erweiterte sich bald nicht nur durch die Kinder und Kindeskinder, sondern auch durch ehemalige Nachbarn und Geschwister. Zahme Bären gab es dort noch sehr, sehr lange, viele Jahrhunderte, denn viele Tanzbären, die später mit Musikanten durch die slawischen Lande wanderten und ihre possierlichen Bewegungen vorführten, kamen aus der Siedlung der Honigfresser und waren hier gezähmt worden. Überhaupt erwies sich die Symbiose zwischen Mensch und Bär als fruchtbar, denn keinesfalls fiel der Bär dem Menschen nur als lästiger Vielfraß zur Last. Oftmals schützten und verteidigten die Bären die Menschen vor Angriffen durch lästige Raubtiere, insbesondere vor Rudeln von Wölfen im Winter und auch vor Angriffen durch menschliche Räuber. Die Bären schützten das Wild und die Haustiere vor Greifvögeln und Raubtieren. Dabei konnten diese scheinbar tollpatschigen Riesen äußerst geschickt sein, denn einige Bären machten sich sogar durch den Fang von Mäusen, kleinen Räubern und sogar Vögeln nützlich.
Warba und ihre Nachkommen nahmen die Bären oft mit zum Fischfang und konnten auch hier von der Geschicklichkeit der Bären profitieren. Spielend fingen sie mit ihren schweren Tatzen die Fische im klaren Wasser der Seen und Flüsse. So entstanden aus der Holzstatue und aus dem Begriff Medwed durch verschiedene Lautverschiebungen die beiden Ortsnamen Groß-Medewege und Klein-Medewege, zwei ehemals selbständige Dörfer, die nur durch den sicheIförmig gekrümmten Medeweger See getrennt waren, gelegen an der nördlichen Stadtgrenze von Schwerin in Richtung Wismar. Allerdings sind die beiden Dörfer Medewege inzwischen von der Stadt Schwerin eingemeindet worden, so daß sie nur noch auf älteren Landkarten verzeichnet sind.